Schlagwort: Hund

„Der ist aber nicht leinenführig…“

Leinenführigkeit – was bedeutet das für dich?

In den Jahren, in denen ich Menschen und ihre Hunde begleitet habe, bin ich auf zahlreiche Ausprägungen von Leinenführigkeit gestoßen, die mal mehr, mal weniger gut funktionierten.

Im Allgemeinen sagt man: Gute Leinenführigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass der Hund sich am Menschen orientiert und kein Zug auf die Leine ausgeübt wird. Die Leine dient somit lediglich als Sicherheitsmaßnahme für den Notfall. Doch ist diese Definition wirklich so universell anwendbar, wie sie erscheint?

Für mich spielen bei der Leinenführigkeit 3 Faktoren eine Rolle

  1. Der Hund
    Ein Hund, der weder ein Konzept von einer Leine noch von den damit verbundenen Erwartungen hat, wird selten aus eigenem Antrieb leinenführig sein. Aus der Perspektive des Hundes erscheint dieses für uns selbstverständliche Verhalten zunächst befremdlich. Warum sollte er sich nach dem Menschen richten und die vielen spannenden Ablenkungen der Umgebung ignorieren? Eine Leine kann zudem sehr einschränkend wirken, was zu Frustration und Angst beim Hund führen kann. Ob und wie leicht sich ein Hund für das Konzept der Leinenführigkeit begeistern lässt oder sogar Freude daran findet, an der Leine zu gehen, hängt auch von seiner Rasse und seinem individuellen Charakter ab. Ein neugieriger, impulsiver und aktiver Hund wird wahrscheinlich mehr Schwierigkeiten haben als ein ruhiger Hund, der weniger Interesse daran zeigt, Neues zu erkunden.
  2. Der Mensch
    Wie nicht jeder Hund gleich ist, so ist es auch nicht jeder Mensch. Leinenführigkeit ist nicht rein objektiv. Es gibt kein universelles Richtig. Je nachdem, was mit der Leine erreicht werden soll, existieren unterschiedliche Formen der Orientierung und ebenso unterschiedliche Intensitäten des Zugs, die teilweise auch erwünscht sein können. Auch die Kommunikation während der Leinenführigkeit kann auf verschiedenen Wegen erfolgen und sollte immer im Dialog stattfinden. Es wäre unfair zu erwarten, dass der Hund die gesamte Arbeit bei der Leinenführigkeit alleine leistet. Sich bewusst zu machen, welche Erwartungen man an einen leinenführigen Hund und an die Leine selbst hat und wie man seinen Hund unterstützen kann, ermöglicht erst das Training entsprechender Verhaltensweisen.
  3. Die Umwelt
    Als wäre das nicht genug, spielt auch die Umgebung, auf die wir am wenigsten Einfluss haben, eine Rolle. Je nachdem, wo ich mich befinde und wer oder was sich in diesem Moment dort befindet, kann die Leinenführigkeit einfacher oder schwieriger für Mensch und Hund sein. Auch die Tageszeit und die allgemeine Stimmung beeinflussen das Verhalten des Hundes sowie die Erwartungen und das Verhalten des Menschen.

Mit diesen drei Faktoren müssen wir arbeiten und eine individuell zugeschnittene Strategie entwickeln. Während ich auf die Umgebung meist nur wenig Einfluss habe, kann ich an meinem Verhalten und meinen Erwartungen sowie an denen meines Hundes arbeiten und diese auf verschiedene Umgebungssituationen anpassen.

Zufrieden mit ihrer Leinenführigkeit sind die Mensch-Hund-Teams, die ich kenne, dann, wenn die Fähigkeiten und das Gelernte des Hundes mit den Erwartungen des Menschen in konkreten Situationen übereinstimmen und beide eine Möglichkeit gefunden haben zu kommunizieren und sich auszutauschen. Dabei muss die Leine nicht immer locker sein und der Hund nicht ständig den Menschen beobachten. Viel wichtiger ist, dass sich beide wohl fühlen. Wenn dann noch die Leine ihren Zweck erfüllt und niemand zu Schaden kommt, spielt es keine Rolle, ob jemand anderes meint: „Der ist aber nicht leinenführig…“.